Dioxine ist der Sammelbegriff für zwei Gruppen chlorierter organischer Verbindungen: die polychlorierten Dibenzo-p-dioxine (PCDD) und die polychlorierten Dibenzofurane (PCDF). Sie werden nicht gezielt hergestellt, sondern entstehen als unerwünschte Nebenprodukte bei Verbrennungs- und chemischen Prozessen in Gegenwart von Chlor. Dioxine sind langlebig, reichern sich im Fettgewebe an und gehören zu den giftigsten bekannten Umweltschadstoffen. Sie zählen zu den persistenten organischen Schadstoffen (POP), die international geregelt sind.
Stoffgruppe und Toxizitätsäquivalente
Je nach Zahl und Position der Chloratome gibt es 75 PCDD- und 135 PCDF-Verbindungen, die alle eine gemeinsame Grundstruktur aufweisen (Kongenere). Toxikologisch relevant sind vor allem 17 Kongenere, die an den Positionen 2, 3, 7 und 8 chloriert sind. Der giftigste Vertreter ist 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (2,3,7,8-TCDD), bekannt als „Seveso-Dioxin“. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft es als krebserzeugend für den Menschen ein.
Weil Dioxine immer als Gemisch auftreten, wird ihre Giftigkeit als Toxizitätsäquivalent (TEQ) angegeben. Jedes Kongener erhält einen Toxizitätsäquivalenzfaktor (TEF) im Verhältnis zu 2,3,7,8-TCDD (TEF = 1). Die gewichteten Konzentrationen werden addiert. Die Faktoren werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt und wurden 2022 wissenschaftlich neu bewertet. In der Regel werden auch zwölf dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle (dl-PCB) einbezogen, die über denselben Mechanismus wirken.
Entstehung und Quellen
Dioxine bilden sich vor allem bei unvollständiger Verbrennung organischen Materials in Gegenwart von Chlor, besonders im Temperaturbereich unterhalb der vollständigen Verbrennung und bei der Abkühlung von Rauchgasen. Typische Quellen sind:
- thermische Prozesse in der Metallindustrie, etwa Sinteranlagen und Sekundärmetallurgie,
- historisch die Abfallverbrennung ohne moderne Rauchgasreinigung,
- private Feuerungen, besonders das illegale Verbrennen von Abfällen, behandeltem Holz oder Kunststoffen,
- Brände, etwa von Gebäuden, Deponien oder Lagerhallen,
- als Verunreinigung bei der Herstellung chlorierter Chemikalien, zum Beispiel früher bei bestimmten Pflanzenschutzmitteln und Holzschutzmitteln.
Durch strenge Grenzwerte und moderne Abgasreinigung sind die industriellen Dioxinemissionen in Deutschland seit den 1990er-Jahren stark gesunken. Heute haben diffuse Herkunftsquellen und Altlasten einen höheren Anteil an den verbleibenden Einträgen.
Verbreitung und Aufnahme
Dioxine gelangen über die Luft in Böden und Gewässer, lagern sich auf Pflanzen ab und reichern sich in der Nahrungskette an. Der Mensch nimmt Dioxine zum weit überwiegenden Teil über fetthaltige tierische Lebensmittel auf, etwa Fisch, Fleisch, Milchprodukte und Eier. Wegen der Persistenz beträgt die biologische Halbwertszeit im menschlichen Körper mehrere Jahre.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2018 eine tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI) von 2 Pikogramm TEQ pro Kilogramm Körpergewicht für Dioxine und dl-PCB festgelegt. Nach den damals ausgewerteten europäischen Verzehrsdaten wird dieser Wert in allen Altersgruppen überschritten.
Gesundheitlich stehen bei langfristiger Belastung Wirkungen auf das Immun- und Hormonsystem, die Entwicklung und die Fortpflanzung sowie ein erhöhtes Krebsrisiko im Vordergrund. Hohe akute Belastung kann Chlorakne auslösen.
Rechtliche Einordnung
- Stockholmer Übereinkommen (2001, in Kraft seit 2004): Dioxine und Furane gehören zu den unbeabsichtigt entstehenden POP (im Anhang C der Verordnung (EU) 2019/1021). Die Vertragsstaaten müssen ihre Freisetzung minimieren und, wo möglich, beenden.
- POP-Verordnung (EU) 2019/1021: setzt das Übereinkommen in der EU um, verlangt Emissionsinventare und Aktionspläne und regelt Konzentrationsgrenzen für POP-haltige Abfälle.
- Technische Anlagen: Die 17. BImSchV 1 begrenzt die Emissionen aus Abfallverbrennungs- und Mitverbrennungsanlagen auf 0,1 Nanogramm TEQ je Kubikmeter Abgas. Auch die TA Luft und die BVT-Schlussfolgerungen für Abfallverbrennung und Metallindustrie enthalten Anforderungen.
- Lebens- und Futtermittel: Die Verordnung (EU) 2023/915 legt Höchstgehalte für Dioxine und dl-PCB in Lebensmitteln fest. Für Futtermittel gilt die Richtlinie 2002/32/EG. Werden Auslösewerte überschritten, sollen Quellen ermittelt werden.
- Störfallvorsorge: Der Chemieunfall im italienischen Seveso am 10. Juli 1976, bei dem TCDD freigesetzt wurde, führte zur europäischen Störfallgesetzgebung, heute der Seveso-III-Richtlinie.
Bedeutung für Unternehmen
Pflichten treffen vor allem Betreiber von Abfallverbrennungs-, Metall- und Feuerungsanlagen: Sie müssen die Dioxin-Emissionsgrenzwerte einhalten und regelmäßig durch Messungen nachweisen. Technisch üblich sind eine optimierte Verbrennungsführung, schnelle Abkühlung der Rauchgase und Adsorption an Aktivkohle oder Herdofenkoks mit anschließender Gewebefilterung.
Lebens- und Futtermittelunternehmen müssen die Höchstgehalte einhalten; Futtermittelhersteller und Erzeuger von Freilandeiern achten zudem auf belastete Böden und Futterkomponenten. Im Abfallbereich sind dioxinhaltige Rückstände wie Filterstäube in der Regel Gefährliche Abfälle. Bei der Sanierung von Brand- oder Altlastenflächen (Altlasten) gehören Dioxine häufig zum Untersuchungsumfang.
Abgrenzung
Polychlorierte Biphenyle (PCB) wurden, anders als Dioxine, gezielt als Industriechemikalien hergestellt, etwa für Transformatoren, Fugendichtungen und Farben. Nur ein Teil von ihnen wirkt dioxinähnlich. Furane im Sinne der Dioxinfamilie sind die chlorierten Dibenzofurane; die einfache Verbindung Furan ist ein anderer Stoff.
Häufige Fragen
Wie gelangen Dioxine in den Körper?
Überwiegend über Lebensmittel, vor allem tierische Fette aus Fisch, Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Die Aufnahme über die Atemluft oder das Trinkwasser spielt eine untergeordnete Rolle. Weil Dioxine sich im Fettgewebe anreichern und nur langsam ausgeschieden werden, hängt die Körperbelastung von der Aufnahme über viele Jahre ab.
Was bedeutet die Angabe TEQ?
TEQ steht für Toxizitätsäquivalent. Die Konzentrationen einzelner Dioxine, PCDF und dioxinähnlicher PCB werden mit Faktoren gewichtet, die ihre Giftigkeit im Vergleich zum giftigsten Dioxin 2,3,7,8-TCDD ausdrücken, und dann addiert. So lässt sich ein Gemisch mit einer einzigen Zahl bewerten und mit Grenzwerten vergleichen.
Sind Müllverbrennungsanlagen heute noch eine relevante Dioxinquelle?
Moderne Anlagen mit mehrstufiger Rauchgasreinigung halten den Grenzwert der 17. BImSchV von 0,1 Nanogramm TEQ je Kubikmeter in der Regel deutlich ein. Ihr Anteil an den Gesamtemissionen ist dadurch stark gesunken. Bedeutender sind heute Industrieprozesse ohne vergleichbare Abgasreinigung, Brände und das illegale Verbrennen von Abfällen.
Warum können Freilandeier höhere Dioxinwerte haben?
Hühner in Freilandhaltung picken Erde auf. Ist der Boden mit Dioxinen belastet, etwa durch frühere Brände, Altablagerungen oder Ascheeinträge, gelangen die Stoffe in die Eier. Bei Überschreitung der Höchstgehalte dürfen die Eier nicht vermarktet werden, und die Ursache muss ermittelt werden.
Darf man Gartenabfälle oder Holzreste verbrennen?
Das Verbrennen von Abfällen im Freien ist grundsätzlich verboten; Ausnahmen für pflanzliche Gartenabfälle regeln die Länder und Kommunen. Behandeltes Holz, lackierte Reste, Kunststoffe oder Papier dürfen nicht in Kaminöfen verbrannt werden, weil dabei unter anderem Dioxine entstehen können. In Kaminöfen sind nur die nach der 1. BImSchV zugelassenen Brennstoffe erlaubt, etwa naturbelassenes, trockenes Holz.
Die Informationen dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine rechtliche Prüfung des Einzelfalls.
Verwandte Begriffe
- Persistenz Definition
- Seveso-III-Richtlinie
- Störfall
- Altlasten
- Gefährliche Abfälle
- TA Luft
- Schwermetalle Definition
- Feinstaub
Quellen und weiterführende Informationen
- EUR-Lex – Verordnung (EU) 2019/1021 über persistente organische Schadstoffe (POP-Verordnung)
- Bundesamt für Justiz – Verordnung über die Verbrennung und die Mitverbrennung von Abfällen (17. BImSchV)
- EUR-Lex – Verordnung (EU) 2023/915 über Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln
- EFSA – Dioxine und verwandte PCB: tolerierbare Aufnahmemenge aktualisiert (20.11.2018)
- Stockholm Convention – Text of the Convention
Geprüft am 09.10.2026 von der Redaktion Umweltcluster-nrw.de





